Am 9. Oktober wurde in Jerusalem der höchste Feiertag des Judentums begangen: Jom Kippur. An diesem Tag sollen laut des jüdischen Glauben Gott alle ernsthaft bereuten Sünden der Gläubigen vergeben und somit ihr Gewissen „reinwaschen“ werden. Dieser Feiertag findet immer 10 Tage nach dem jüdischen Neujahresfest Rosch Haschana statt und ist deswegen auch ein flexibles Datum.
Juden gehen an diesem Tag in die Synagoge und beten. Das große obligatorische Festessen fällt jedoch aus, da viele Gläubige für 25 Stunden fasten, also von Sonnenuntergang zu Sonnenuntergang. Außerdem werden auch wie an Shabbat keine elektrischen Geräte bedient und auch das Autofahren ist gesetzlich verboten.
Das führte für mich und meine Mitfreiwilligen dazu, dass wir nach Sonnenuntergang auf der größten und eigentlich viel befahrenen Straße unseres Viertels in die Altstadt laufen konnten. Die Straße war aber keineswegs leer… Es fuhren zwar keine Autos aber dafür bevölkerten etliche Fahrradfahrer und jüdische Familien während ihres Abendspazierganges oder auf dem Weg zur Synagoge die Straßen. Auch Residents, meiner Arbeitsstelle waren an diesem Abend mit einem dreirädrigem Fahrrad unterwegs. Tatsächlich ist die Rate an Fahrradunfällen an Jom Kippur sehr hoch, da viele kleine Kinder mit sehr hohen Geschwindigkeiten die Straßen auf und ab rasen, ohne auf ihr Umfeld zu achten, weshalb auch ich mehrmals Fahrrädern ausweichen musste.
Als wir dann an der Klagemauer ankamen war ich erst einmal von der
Stimmung überrascht. Ich hatte erwartet, von einer Welle von Demut
und Traurigkeit überrollt zu werden und mich als nicht jüdische
Person unwohl zu fühlen. Aber tatsächlich war das Gegenteil der
Fall. Es herrschte eine sehr offene und tolerante Stimmung, die es
uns sogar möglich machte, sich beinahe 30 Minuten in den
abgesperrten Bereich vor der Klagemauer zu setzten und die Stimmung
einfach wirken zu lassen. Wir haben unseren Platz auch nur verlassen
weil wir langsam aber sicher anfingen zu frieren. An diesem Tag trägt
man auch traditionell weiß, was die eigene Totenkleidung und
Reinheit symbolisiert soll, deshalb war auch das Gesamtbild an der
Klagemauer von dieser Farbe geprägt auch tierisches Leder und Pelz
wird an diesem Tag nicht aus dem Schrank geholt.
Auf unserem Rückweg nach Hause wurden wir erneut von einem großen
Begängnis auf der Hauptverkehrsachse unseres Viertels überrascht.
Zwar war die Anzahl der rasenden Fahrradfahrer zurückgegangen aber
nun tummelten sich viele Jugendlich auf den Straßen. Der Hotspot der
mitternächtlichen Zusammenkunft war eine Straßenkreuzung mit zwei
Bushaltestelle: total unzusammenhängend und maximal unromantisch.
Diese Platzwahl konnten uns auf Nachfrage aber selbst die
Jugendlichen nicht erklären, die sogar von einem Polizeiauto
„geschützt“ wurden.
Am nächsten Tag habe ich den fehlenden Verkehr für einen
ausgedehnten Spaziergang in meinem Viertel genutzt, um es besser
kennenzulernen und in einem Park ein Buch zu lesen.
Mit meiner guten und ausgeglichenen Stimmung war es dann jedoch schlagartig vorbei, als ich von den Geschehnissen in Halle lesen musste. Ich war sehr berührt und aufgebracht durch diese Nachricht, denn ich saß in dem erwähnten Park, nahe einer Synagoge, weshalb die ganze Zeit weiß gekleidete Familien an mir vorbeiliefen, die diesen Feiertag in aller Ruhe verbrachten. Für mich ist das seit 2 Monaten Realität und Normalität. Es war extrem schwer, in diesem friedlichen Momenten von solchen Brutalitäten aus Deutschland zu hören, die nur auf unbegründetem Hass und Fremdenfeindlichkeit basieren. Es ist im Nachhinein ein Wunder, dass die jüdische Gemeinde in Halle verschont geblieben ist. Wenn irgendein Mitglied bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht an Gott geglaubt hat, so tut er dies wahrscheinlich nun umso mehr… Denn dass der Attentäter die Tür zur Synagoge nicht aufbekommen hat gleicht an ein Wunder. Der Angriff ist in meinen Augen insofern ein Skandal, dass die Sicherheit von den Gläubigen am höchsten Feiertag nicht gewährleistet wurde. Zum anderen ist es aber auch traurig, dass Synagogen rund um die Uhr bewacht werden sollten, was mir wiederum zeigt, wie wenig das Judentum in die deutsche Gesellschaft integriert ist und wie wenig gegen Antisemitismus getan wird sodass ein strenger Schutz immer von Nöten ist. Dieser Tag wird hoffentlich nicht aus dem kollektiven Gedächtnis unserer Gesellschaft verschwinden sondern als Antrieb dienen, sich gegen Antisemitismus zu engagieren und sich mit dem Judentum auseinanderzusetzten. Denn Juden sind Menschen, genauso wie Christen, Moslems und Atheisten. Der Glaube anderer schränkt andere Personen in Deutschland eigentlich nicht ein und deswegen sollte jede Religion erst einmal grundlegend akzeptiert und integriert werden.
Doch wenn ein junger Mann in Halle 70 Juden in einer Synagoge umbringen will, auf offener Staße zwei Menschen attackiert und zusätzlich alle seine Handlungen live im Internet teilt, dann muss noch viel in unserer Gesellschaft passieren. Dabei reicht es nicht, das Judentum einfach in der Schule kurz zu behandeln, dann abzuhaken und auf sich beruhen zu lassen. Denn leider ist die Denkweise von manchen Menschen in einer sehr dunklem Phase der Geschichte steckengeblieben, was fatal ist und nicht nur an der fehlenden Intelligenz dieser Personen sondern auch an wenig flächendeckender Aufklärung in Deutschland liegt. Ich werde mich auf jeden Fall in Zukunft noch mehr gegen Antisemitismus engagieren und in diesem Kontext auch keine Auseinandersetzung scheuen. Ich bin des weiteren der Überzeugung, das dies jeder tun sollte, der die Grundwerte des deutschen Grundgesetzes insbesondere der Artikel 1, 2 und 4 wertschätzt und auch nach diesen Moralvorstellungen behandelt werden will. Denn letztendlich sind alle Menschen gleich und das sollten wir nie vergessen.