Wenn man ein FSJ im Ausland verbringt, steht man als Freiwilliger immer vor einer großen Frage, die je nach sozialem Umfeld, finanziellen Mitteln oder emotionalen Befindlichkeiten mehr oder weniger schnell entschieden wird: Was mache ich zu Weihnachten? Was mache ich zum wahrscheinlich wichtigsten Fest des christlichem Abendlandes? Einen Teil der Freiwilligen zieht es nach Hause zur Familie, die anderen auf einen Selbstfindungstrip und den Rest (inklusive mir) nirgendwo hin. Mein Gedanke (als tendenziell eher unreligiöse Person) dahinter: wenn man schon in Jerusalem ist, kann man auch Weihnachten am „Ort des Geschehens“ und der größten Heiligkeit verbringen. Eine weitere Motivation war es natürlich, dass ich danach mein Leben lang allen Menschen erklären kann, dass ich Weihnachten 2019 in Bethlehem verbracht habe und wie es dort wirklich ist. Außerdem wollte ich unbedingt wissen, ob es sich anders anfühlt, Weihnachten in einem für mich religiösem Kontext zu verbringen. Um das Ende vorwegzunehmen: geändert hat es nichts aber es war trotzdem sehr schön und ich würde es auf jeden Fall noch einmal genauso machen.
Das eigentliche Weihnachtsfest haben wir dann im Kreise von Freiwilligen gefeiert. Natürlich mit einem großen Essen, was von vielen diversen innerdeutschen Weihnachtstraditionen geprägt und dadurch bunt gemischt aber auch sehr gut war. Danach waren wir Teil eines Gottesdienstes einer deutschen Gemeinde in Jerusalem, bis wir uns um Mitternacht aufgemacht haben, um nach Bethlehem „zu pilgern“.
Das klingt zwar hochromanisch, ist es aber nicht. Denn den jüdischen Statt Israel interessiert Weihnachten immer noch nicht, weshalb es eine ganz normale Nacht, mit ganz normalem Verkehr war. Es ist also ziemlich irrelevant , ob ca. 30 Leute nachts um 1 Uhr auf dem Fußweg einer Schnellstraße nach Bethlehem laufen. Trotzdem war die ca. 9 km lange Wanderung ein sehr lustiges und einmaliges Erlebnis, denn schätzungsweise 70% der „Mitläufer“ waren auch deutsche Freiwillige, was zu schnellen und unterhaltsamen Gesprächen geführt hat. Ich hatte an diesem Weihnachten Spaß, es völlig anders als gewohnt zu erleben, denn wir konnten es uns auch ohne riesigen Weihnachtsbaum, Festessen und „Last-christmas“ in Dauerschleife gemütlich machen.
Es ist nämlich trotz der langen und kalten Wanderung, der Müdigkeit und vielleicht etwas Hunger ein gutes Gefühl, nachts um 3 Uhr Teil einer letzten Andacht in der Geburtskirche Jesus zu sein und danach den Checkpoint morgens um 5 Uhr mit Pendlern zu verlassen, die sich nach einer Nacht wie jeder anderen auf den Weg zur Arbeit machen.
An Silvester war es schon normaler, die Zeit ohne Eltern zu verbringen. Wir haben uns dazu entschlossen, den Jahreswechsel in Jerusalem im Freundeskreis (natürlich ohne Alkohol) zu feiern, mit dem Bewusstsein, dass es weder ein Feuerwerk, noch irgendwelche großen Veranstaltungen geben wird. In Jerusalem wird das Neujahr nämlich im Herbst gefeiert und das europäische Neujahr im Winter wird großzügig (und verständlicherweise) ignoriert wird. Aber dieser Fakt ist dem aufmerksamen Leser meines Blogs natürlich bewusst.
Das hat uns natürlich trotzdem nicht von Wunderkerzen, Neujahresglückwünschen und vielen Umarmungen abgehalten. Ich wünsche mir für das Jahr 2020, die zweite Hälfte meines Freiwilligendienstes genauso zu genießen, wie die erste und dass ich am Ende das Gefühl habe, die Zeit hier sinnvoll und ausgiebig genutzt zu haben.
…Natürlich wünsche ich mir auch Weltfrieden, kollektive Toleranz und den Stopp des Klimawandels… Aber leider kann man nicht alles haben.