Kleines Lebensupdate

Eigentlich wollte ich Ende Februar einen Eintrag darüber schreiben, dass meine Eltern mich besucht haben, bald eine Freundin kommt und das Leben im Allgemeinen ziemlich schön ist und ich ziemlich dankbar bin.

Leider ging ab diesem Zeitpunkt alles sehr schnell und die letzten 6 Wochen waren für mich emotional sehr belastend. Natürlich ist schon offensichtlich, was der Auslöser all meiner Problem war: das Corona Virus, vor dessen Auswirkungen momentan leider niemand sicher ist. Alles fing damit an, dass mein Arbeitsumfeld wegen deutschem Besuch paranoid wurde. Zu diesem Zeitpunkt wurde in Israel eine Einreisesperre etabliert, was zur Stornierung von vielen Flügen und damit zur vorzeitigen Abreise meines Besuches führte. Ich und alle die mit diesem Besuch in Kontakt waren ( 2 Wohngruppen von Freiwilligen) wurden in eine zweiwöchigen Zwangsurlaub geschickt, da meine Einsatzstelle kein Risiko eingehen wollte.

Währenddessen wurde in Israel das öffentliche Leben komplett „umsortiert“, sodass am Ende nur noch Supermärkte geöffnet hatten und selbst die Händler in der Altstadt ihre Läden schließen mussten. Momentan ist die Situation in Israel soweit verschärft, dass die Einwohner ihr Haus nur in einem 100 Meter Radius verlassen dürfen und es verboten ist, sich gemeinsam draußen aufzuhalten oder Sport zu machen.

Das erlebe ich aber nicht mehr mit, denn ich habe am 20. März Israel verlassen und bin seitdem wieder in meinem Elternhaus. Meine Ausreise ging viel zu schnell und mein Abschied war sehr schwer, denn alles was ich nun schildern werde spielte sich innerhalb von vier Tagen ab.

Es begann damit, dass ich am Mittwochmorgen einen Anruf bekam, der mich dazu aufforderte mich innerhalb von 20 Minuten zu entscheiden ob ich das Land verlassen möchte oder ob der Staat Israel weiter auf mich als Freiwillige zählen kann. Dazu kam noch eine Ausreiseempfehlung des Auswärtigem Amtes. Schon zu diesem Zeitpunkt habe ich mich nach vielen Absprachen dazu entschlossen nach Hause zu fliegen und einen Flug mit meinen Freunden für den Montag der kommenden Woche gebucht. Es war dann unser Plan, noch ein letztes gemeinsames Wochenende in Jerusalem inklusive eines Shabbatessens zu verbringen. Das stellte sich dann auch als richtige Entscheidung heraus, denn aus der Ausreiseempfehlung des Auswärtigem Amtes wurde bis zum Abend sozusagen eine Ausreisepflicht. Von meinen Resident konnte ich mich in dieser kurzen Zeit leider nicht persönlich verabschieden, da ich aus (für mich) unerfindlichen Gründen die Einsatzstelle nicht betreten durfte. Leider fiel auch unser gemeinsamer Abschluss ins Wasser, da stündlich Flüge gecancellt wurden und wir mehrmals umbuchen mussten, sodass wir am Ende nur noch einen Tag zum packen hatten und am Freitag im letzten Direktflug nach Deutschland saßen.

Der Abschied aus Israel ist mir sehr schwer gefallen. Zum einen weil ich nicht die Möglichkeit hatte, mich gebührend von allem zu verabschieden und weil ich nicht gehen wollte. Die Zeit momentan ist auch ehrlicherweise nicht sehr leicht für mich, da ich nur Stück für Stück realisiere, dass ich nicht mehr in Israel bin und ich wahrscheinlich auch noch mehr Zeit brauchen werde um alles zu verarbeiten.

Ich bin zwar noch nicht ganz wieder in Deutschland angekommen aber trotzdem bin ich auch sehr froh hier zu sein, denn in einer solchen Krisensituation ist es hilfreich alle Anordnungen nachvollziehen zu können und in behütetem Umfeld bei der Familie zu sein. Es ist auch nicht klar, ab wann eine Ausreise aus Israel wieder möglich ist und ab wann alles wieder normal vonstatten geht. Ich wünsche mir natürlich trotzdem, so schnell wie möglich nach Israel zurückkehren zu können. Egal, ob die Zeit für einen Freiwilligendienst oder nur für Urlaub reicht. Den ich habe vieles noch nicht gesehen und erlebt!

Natürlich werden hier noch Einträge folgen, denn es gibt noch sehr viel, was ich zu erzählen habe.

Aber jetzt konzentriere ich mich darauf, erst einmal den Menschen hier so gut es geht zu helfen, meine Hände zu waschen und gesund zu bleiben, so wie es hier jeder momentan tun sollte.

Weihnachten und Silvester oder: wie ich trotz aller Heiligkeit nicht fromm wurde

Wenn man ein FSJ im Ausland verbringt, steht man als Freiwilliger immer vor einer großen Frage, die je nach sozialem Umfeld, finanziellen Mitteln oder emotionalen Befindlichkeiten mehr oder weniger schnell entschieden wird: Was mache ich zu Weihnachten? Was mache ich zum wahrscheinlich wichtigsten Fest des christlichem Abendlandes? Einen Teil der Freiwilligen zieht es nach Hause zur Familie, die anderen auf einen Selbstfindungstrip und den Rest (inklusive mir) nirgendwo hin. Mein Gedanke (als tendenziell eher unreligiöse Person) dahinter: wenn man schon in Jerusalem ist, kann man auch Weihnachten am „Ort des Geschehens“ und der größten Heiligkeit verbringen. Eine weitere Motivation war es natürlich, dass ich danach mein Leben lang allen Menschen erklären kann, dass ich Weihnachten 2019 in Bethlehem verbracht habe und wie es dort wirklich ist. Außerdem wollte ich unbedingt wissen, ob es sich anders anfühlt, Weihnachten in einem für mich religiösem Kontext zu verbringen. Um das Ende vorwegzunehmen: geändert hat es nichts aber es war trotzdem sehr schön und ich würde es auf jeden Fall noch einmal genauso machen.

Das eigentliche Weihnachtsfest haben wir dann im Kreise von Freiwilligen gefeiert. Natürlich mit einem großen Essen, was von vielen diversen innerdeutschen Weihnachtstraditionen geprägt und dadurch bunt gemischt aber auch sehr gut war. Danach waren wir Teil eines Gottesdienstes einer deutschen Gemeinde in Jerusalem, bis wir uns um Mitternacht aufgemacht haben, um nach Bethlehem „zu pilgern“.

Das klingt zwar hochromanisch, ist es aber nicht. Denn den jüdischen Statt Israel interessiert Weihnachten immer noch nicht, weshalb es eine ganz normale Nacht, mit ganz normalem Verkehr war. Es ist also ziemlich irrelevant , ob ca. 30 Leute nachts um 1 Uhr auf dem Fußweg einer Schnellstraße nach Bethlehem laufen. Trotzdem war die ca. 9 km lange Wanderung ein sehr lustiges und einmaliges Erlebnis, denn schätzungsweise 70% der „Mitläufer“ waren auch deutsche Freiwillige, was zu schnellen und unterhaltsamen Gesprächen geführt hat. Ich hatte an diesem Weihnachten Spaß, es völlig anders als gewohnt zu erleben, denn wir konnten es uns auch ohne riesigen Weihnachtsbaum, Festessen und „Last-christmas“ in Dauerschleife gemütlich machen.

Es ist nämlich trotz der langen und kalten Wanderung, der Müdigkeit und vielleicht etwas Hunger ein gutes Gefühl, nachts um 3 Uhr Teil einer letzten Andacht in der Geburtskirche Jesus zu sein und danach den Checkpoint morgens um 5 Uhr mit Pendlern zu verlassen, die sich nach einer Nacht wie jeder anderen auf den Weg zur Arbeit machen.

An Silvester war es schon normaler, die Zeit ohne Eltern zu verbringen. Wir haben uns dazu entschlossen, den Jahreswechsel in Jerusalem im Freundeskreis (natürlich ohne Alkohol) zu feiern, mit dem Bewusstsein, dass es weder ein Feuerwerk, noch irgendwelche großen Veranstaltungen geben wird. In Jerusalem wird das Neujahr nämlich im Herbst gefeiert und das europäische Neujahr im Winter wird großzügig (und verständlicherweise) ignoriert wird. Aber dieser Fakt ist dem aufmerksamen Leser meines Blogs natürlich bewusst.

Das hat uns natürlich trotzdem nicht von Wunderkerzen, Neujahresglückwünschen und vielen Umarmungen abgehalten. Ich wünsche mir für das Jahr 2020, die zweite Hälfte meines Freiwilligendienstes genauso zu genießen, wie die erste und dass ich am Ende das Gefühl habe, die Zeit hier sinnvoll und ausgiebig genutzt zu haben.

…Natürlich wünsche ich mir auch Weltfrieden, kollektive Toleranz und den Stopp des Klimawandels… Aber leider kann man nicht alles haben.

Winter in Jerusalem

Nach einem unspektakulärem November, in dem die Temperaturen gesunken sind, mein Alltag immer alltäglicher geworden ist und die Nächte immer länger wurden, folgte (wie immer) der Dezember. Nun paaren sich die sinkendem Temperaturen mit Regen und Wind, was leider dazu führt, dass man die Abende nicht mehr draußen verbringen kann und es auch unangenehm wird, wenn man sich länger draußen aufhält. Das führte bei meiner Arbeitsstelle dazu, dass sich alle Residents über Nacht darauf geeinigt haben, dass zwei Pullover über einem Unterhemd den Temperaturen angemessen sind. Die warme Kleidung verhinderte die alljährliche Krankheitswelle leider trotzdem nicht, was dazu führte, dass auch ich eine Woche lang ans Bett gefesselt war.

Aber je mehr die Temperaturen sanken, desto mehr stieg unsere Weihnachtsstimmung an. Obwohl wir sehr überrascht waren, als es auf einmal Dezember war und absolut niemand dem Weihnachtswahn verfallen war. Sind in Deutschland schon Ende Oktober alle Fenster geschmückt, Adventsmärkte geöffnet (die dann sofort von Weihnachtsmärkten abgelöst werden) und Rabattschilder aufgestellt, gibt es in Israel nichts dergleichen. Warum auch? Israel ist ein jüdischer Staat und Weihnachten ist Juden genauso egal wie Silvester. Genauso egal, wie den Deutschen Rosch haschana und das Lichterfest „Chanukka“ ist. Dieses achttägige Fest ist dieses Jahr übrigens in der Woche von Heiligabend, weshalb Jerusalem dann doch etwas in Feierlaune ist, denn überall werden Leuchter für Chanukka sowie süßes und frittiertes Gebäck, ähnlich wie Krapfen, Berliner oder Donuts in allen Varianten verkauft oder auch einfach verschenkt, wovon ich auch schon profitieren durfte… Ich bin sehr gespannt dieses jüdische Fest mitzuerleben und neue Traditionen kennenzulernen.

Trotz dem großen jüdischen Einfluss gibt es eine christliche Minderheit in Jerusalem, für die Weihnachten eine zentrale Bedeutung hat. Deswegen wurden in Jerusalem an einem Wochenende gleich 2 Weihnachtsmärkte ausgerichtet. Einer auf dem Gelände der YMCA (einer Hotelanlage) und ein weiterer in der Nähe der Altstadt. Wir sind mit keinen Erwartungen hingegangen und wurden in beiden Fällen überrascht. Denn schlendert man in Deutschland von Bude zu Bude, schlürft hier einen Glühwein, isst dort einen Crepe und kauft vielleicht ein Weihnachtsgeschenk, so hat man sich auf dem Weihnachtsmarkt auf der YMCA zwischen dem rechten Zelt (Essen) und dem linken Zelt (teures Kunsthandwerk) entschieden. Das Gelände war aber trotzdem sehr schön geschmückt und die arabische Weihnachtsmusik hat auch zu einer festlichen Grundstimmung beigetragen. Außerdem hatten wir die Chance den (echten) Weihnachtsmann zu treffen und Klaviermusik zu lauschen. In einem großen Kontrast dazu stand der Weihnachtsbasar in der Nähe der Altstadt. Dort habe ich unter anderem drei neue viele Sachen gelernt:

1. Indoor Weihnachtsmärkte haben auch ein Existenzrecht.

2. In Israel schmeckt Glühwein sehr gut.

3. Dudelsäcke die mit Trommeln begleitet werden sind legitime live Auftritte zur Weihnachtszeit.

Nach 2 Tagen waren diese Weihnachtsmärkte dann leider auch Geschichte und nur im christlichen Viertel der Altstadt bekommt man durch weihnachtliche Dekoration leichte Weihnachtsgefühle. Ich werde dieses Jahr Weihnachten in Jerusalem mit Freunden verbringen und natürlich nach Bethlehem „pilgern“. Es wird für mich eine ganz neue Erfahrung, diese Zeit nicht mit meiner Familie zu verbringen, was nichts an meiner Vorfreude ändert (Entschuldigung…Mama).

Das Sukkot Fest in Jerusalem

Vom Abend des 13. Oktobers bis zum Sonnenuntergang des 20. Oktobers wurde in Jerusalem das Laubhüttenfest (Sukkot) gefeiert. Dabei wird an den Auszug der Juden aus Ägypten und ihre damit verbundene Reise ins heilige Land gedacht. Mit diesem Fest sind viele Vorbereitungen im Vorfeld verbunden, denn um der beschwerlichen Reise aus Ägypten umfassend zu gedenken, werden vor vielen Häusern, aber auch auf Balkonen, Dachterrassen und unter Carports Laubhütten (sogenannte Sukkas) aufgebaut. Die gibt es entweder im Supermarkt zum Aufbauen innerhalb von 5 Minuten oder man wird mit allen möglichen Materialien wie Decken, Wellblech, Blättern, Gemälden oder auch einfach Papier selber kreativ. Die Straßen in Jerusalem waren in dieser Woche voll von diesen Hütten, was aber auch darauf zurückzuführen ist, dass auch Restaurants und Cafes ihren Außenbereich überdachen müssen, da sie sonst in dieser Woche voller Feiertage nicht öffnen dürfen. Wichtig ist nur, dass der Bau Palmenblätter enthalten soll, um an die Bauweise der Vorfahren zu erinnern, die natürlich nicht die heutigen Materialien zur Verfügung hatten. Aber auch Gemütlichkeit und teilweise liebevolle Dekorationen spielen eine große Rolle beim Bau einer solchen Hütte. Denn in der Sukkot Woche spielt sich jegliches Leben in dieser Unterkunft ab, weshalb man nicht selten einen Kühlschrank oder einen Fernseher in der Hütte erkennen kann. Die Woche wird natürlich auch mit obligatorischen Festessen begonnen, aber auch schlichte und gemütliche Abende im Kreise von Freunden und Familie steht im Mittelpunkt. Die Laubhütte soll die Menschen daran erinnern, dass alles im Leben vergänglich ist und man sich auf die wesentlichen dinge wie zum Beispiel die Familie konzentrieren soll. Manche Juden verlassen die Sukka in diesen Tagen auch nicht, um auch die volle Zeit des Auszuges aus Ägypten besser nachvollziehen zu können. Trotz allem stellt der regelmäßige Gang zur Synagoge einen wichtigen Bestandteil dar, wo zum Beispiel mit symbolischen Gebetsstäußen aus Palmenblättern, Myrtenzweigen, Bachweidenruten und einer bestimmten Zitrusfrucht gebetet wird.

Auch für Christen aus aller Welt hat diese Festwoche eine große Bedeutung, da in der Bibel geschrieben steht, dass alle Christen in der Woche des Laubhüttenfestes nach in Jerusalem willkommen sind, was dazu führte, dass es mehrere internationale Versammlungen von Christen gab oder einen interkulturellen Umzug durch die Alt- und Innenstadt im Namen ihrer Religion. Was ich in sofern mitbekommen habe, dass am Nachmittag keine Busse fuhren und ich zu Fuß gehen durfte.

Sukkot endet mit dem Fest“Simchat tora“. Dabei werden feierlich Thoras eingeweiht und gesegnet. Diese Tradition ist mit viel Tanz und Frohsinn verbunden und wird in großen und kleinen Kreisen gefeiert. Ich hatte das Glück, durch meine Arbeitsstelle mit meinen Residents Teil einer solchen Einweihung in einer Reformgemeinde zu sein. Dadurch habe ich einen tollen Eindruck dieser Festlichkeiten bekommen. Die Gemeinde, deren Gottesdienst ich begleiten durfte weihte ganze 5 Thorarollen ein, was zu einem Gottesdienst von über 2, 5 Stunden Dauer führte. Zu jeder Rolle wurde ein Segen gesprochen, an den sich ein Tanz aller Gemeindemitglieder anschloss. Dabei bewegten sich alle miteinander und versprühten eine große Lebensfreude und das Gefühl einer Einheit. Was auch daran lag, dass sogar „meine“ behinderten Residents, die zum Teil auch nicht gut gehen können einfach mitgezogen wurden, auch einmal eine Thorarolle halten durften und ganz normal und selbstverständlich trotz ihrer offensichtlichen Beeinträchtigung ein gleichwertiger Teil des Gottesdienstes sein konnten. Diese Erfahrung hat mit gezeigt, wie einfach und unkompliziert Inklusion eigentlich sein kann.

Den Abend verbrachten ich und meine Mitfreiwilligen an der Klagemauer, was leider für mich ein etwas ernüchterndes Erlebnis war. Denn auch an der Klagemauer wurde getanzt, laute Gebete gesprochen und Emotionen versprüht. Der einzige Haken war dabei aber für mich persönlich, dass sich die meisten Zeremonien auf der Männerseite abspielten. Auf der Frauenseite der Klagemauer habe ich keine einzige Thorarolle gesehen. Trotzdem wurde dem Zuschauer durch die Leidenschaft der Männer auf ihrer Seite bewusst, was für einen emotionalen Wert dieses Fest für das Judentum hat. Trotzdem habe ich mich einen bisschen nach der intimen und gleichgestellten Atmosphäre der Reformgemeinde gesehnt, wo Frauen, Kinder und Behinderte ein gleichberechtigter Teil dieser Zeremonie waren.

Nach diesem Fest endete auch leider die Sukkotwoche und das Familienleben verlagerte sich von der Straße, aus den Sukkas wieder in die häusliche Gemütlichkeit. Jetzt nähert sich hier auch der Winter, es wird zeitiger dunkel und due Temperaturen sinken auf „eisige“ 20 Grad Celsius. Was dazu führte, dass die Einheimischen über Nacht die Wintersachen aus dem Schrank gekramt haben, währennd wir als Deutsche Freiwillige immer noch den sommerlichen Look pflegen. Ich bin immer wieder sehr dankbar, solche Festtage und Veräderungen des Wetters Jerusalem mitzuerleben, ein Teil davon zu sein und somit meinen ganz eigenen Eindruck von der jüdischen Kultur und des Lebens in Israel als Wüstenstaat zu bekommen.

Jom Kippur in Jerusalem

Am 9. Oktober wurde in Jerusalem der höchste Feiertag des Judentums begangen: Jom Kippur. An diesem Tag sollen laut des jüdischen Glauben Gott alle ernsthaft bereuten Sünden der Gläubigen vergeben und somit ihr Gewissen „reinwaschen“ werden. Dieser Feiertag findet immer 10 Tage nach dem jüdischen Neujahresfest Rosch Haschana statt und ist deswegen auch ein flexibles Datum.

Juden gehen an diesem Tag in die Synagoge und beten. Das große obligatorische Festessen fällt jedoch aus, da viele Gläubige für 25 Stunden fasten, also von Sonnenuntergang zu Sonnenuntergang. Außerdem werden auch wie an Shabbat keine elektrischen Geräte bedient und auch das Autofahren ist gesetzlich verboten.

Das führte für mich und meine Mitfreiwilligen dazu, dass wir nach Sonnenuntergang auf der größten und eigentlich viel befahrenen Straße unseres Viertels in die Altstadt laufen konnten. Die Straße war aber keineswegs leer… Es fuhren zwar keine Autos aber dafür bevölkerten etliche Fahrradfahrer und jüdische Familien während ihres Abendspazierganges oder auf dem Weg zur Synagoge die Straßen. Auch Residents, meiner Arbeitsstelle waren an diesem Abend mit einem dreirädrigem Fahrrad unterwegs. Tatsächlich ist die Rate an Fahrradunfällen an Jom Kippur sehr hoch, da viele kleine Kinder mit sehr hohen Geschwindigkeiten die Straßen auf und ab rasen, ohne auf ihr Umfeld zu achten, weshalb auch ich mehrmals Fahrrädern ausweichen musste.

Als wir dann an der Klagemauer ankamen war ich erst einmal von der Stimmung überrascht. Ich hatte erwartet, von einer Welle von Demut und Traurigkeit überrollt zu werden und mich als nicht jüdische Person unwohl zu fühlen. Aber tatsächlich war das Gegenteil der Fall. Es herrschte eine sehr offene und tolerante Stimmung, die es uns sogar möglich machte, sich beinahe 30 Minuten in den abgesperrten Bereich vor der Klagemauer zu setzten und die Stimmung einfach wirken zu lassen. Wir haben unseren Platz auch nur verlassen weil wir langsam aber sicher anfingen zu frieren. An diesem Tag trägt man auch traditionell weiß, was die eigene Totenkleidung und Reinheit symbolisiert soll, deshalb war auch das Gesamtbild an der Klagemauer von dieser Farbe geprägt auch tierisches Leder und Pelz wird an diesem Tag nicht aus dem Schrank geholt.

Auf unserem Rückweg nach Hause wurden wir erneut von einem großen Begängnis auf der Hauptverkehrsachse unseres Viertels überrascht. Zwar war die Anzahl der rasenden Fahrradfahrer zurückgegangen aber nun tummelten sich viele Jugendlich auf den Straßen. Der Hotspot der mitternächtlichen Zusammenkunft war eine Straßenkreuzung mit zwei Bushaltestelle: total unzusammenhängend und maximal unromantisch. Diese Platzwahl konnten uns auf Nachfrage aber selbst die Jugendlichen nicht erklären, die sogar von einem Polizeiauto „geschützt“ wurden.

Am nächsten Tag habe ich den fehlenden Verkehr für einen ausgedehnten Spaziergang in meinem Viertel genutzt, um es besser kennenzulernen und in einem Park ein Buch zu lesen.

Mit meiner guten und ausgeglichenen Stimmung war es dann jedoch schlagartig vorbei, als ich von den Geschehnissen in Halle lesen musste. Ich war sehr berührt und aufgebracht durch diese Nachricht, denn ich saß in dem erwähnten Park, nahe einer Synagoge, weshalb die ganze Zeit weiß gekleidete Familien an mir vorbeiliefen, die diesen Feiertag in aller Ruhe verbrachten. Für mich ist das seit 2 Monaten Realität und Normalität. Es war extrem schwer, in diesem friedlichen Momenten von solchen Brutalitäten aus Deutschland zu hören, die nur auf unbegründetem Hass und Fremdenfeindlichkeit basieren. Es ist im Nachhinein ein Wunder, dass die jüdische Gemeinde in Halle verschont geblieben ist. Wenn irgendein Mitglied bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht an Gott geglaubt hat, so tut er dies wahrscheinlich nun umso mehr… Denn dass der Attentäter die Tür zur Synagoge nicht aufbekommen hat gleicht an ein Wunder. Der Angriff ist in meinen Augen insofern ein Skandal, dass die Sicherheit von den Gläubigen am höchsten Feiertag nicht gewährleistet wurde. Zum anderen ist es aber auch traurig, dass Synagogen rund um die Uhr bewacht werden sollten, was mir wiederum zeigt, wie wenig das Judentum in die deutsche Gesellschaft integriert ist und wie wenig gegen Antisemitismus getan wird sodass ein strenger Schutz immer von Nöten ist. Dieser Tag wird hoffentlich nicht aus dem kollektiven Gedächtnis unserer Gesellschaft verschwinden sondern als Antrieb dienen, sich gegen Antisemitismus zu engagieren und sich mit dem Judentum auseinanderzusetzten. Denn Juden sind Menschen, genauso wie Christen, Moslems und Atheisten. Der Glaube anderer schränkt andere Personen in Deutschland eigentlich nicht ein und deswegen sollte jede Religion erst einmal grundlegend akzeptiert und integriert werden.

Doch wenn ein junger Mann in Halle 70 Juden in einer Synagoge umbringen will, auf offener Staße zwei Menschen attackiert und zusätzlich alle seine Handlungen live im Internet teilt, dann muss noch viel in unserer Gesellschaft passieren. Dabei reicht es nicht, das Judentum einfach in der Schule kurz zu behandeln, dann abzuhaken und auf sich beruhen zu lassen. Denn leider ist die Denkweise von manchen Menschen in einer sehr dunklem Phase der Geschichte steckengeblieben, was fatal ist und nicht nur an der fehlenden Intelligenz dieser Personen sondern auch an wenig flächendeckender Aufklärung in Deutschland liegt. Ich werde mich auf jeden Fall in Zukunft noch mehr gegen Antisemitismus engagieren und in diesem Kontext auch keine Auseinandersetzung scheuen. Ich bin des weiteren der Überzeugung, das dies jeder tun sollte, der die Grundwerte des deutschen Grundgesetzes insbesondere der Artikel 1, 2 und 4 wertschätzt und auch nach diesen Moralvorstellungen behandelt werden will. Denn letztendlich sind alle Menschen gleich und das sollten wir nie vergessen.

Shana towa! – Gutes neues Jahr!

Vom Abend des 29. Septembers bis zum Sonnenuntergang am 1. Oktober 2019 fahren in Jerusalem und ganz Israel keine Busse, jüdische Geschäfte haben geschlossen und auch der Verkehr ist so gering, dass man ohne Angst auf sonst sehr dicht befahrenen Straßen spazieren gehen kann. Grund dafür ist das jüdische Neujahresfest: Rosch Haschana.

Der jüdische Kalender ist nicht deckungsgleich mit dem gregorianischen, weshalb der Jahreswechsel nicht parallel stattfindet. Zum Neujahr im Judentum geht man davon aus, dass Gott jeden Menschen an sich vorüberziehen lässt und über ihn urteilt. Fällt dieses Urteil aber schlecht aus, so hat die Person zehn Tage Zeit, Buße zu tun und sich „reinzuwaschen“. Nach dieser Zeit soll dann erneut über sie entschieden werden. Dieser Tag stellt den höchsten Feiertag des Judentums dar: Jom Kippur.

Um die eigene Reinheit und Sittlichkeit zu verdeutlichen, trägt man in der Synagoge zum jüdischen Neujahr traditionell weiß und auch der Schrank der die Tora beinhaltet ist mit dieser Farbe geschmückt.

Eine große Bedeutung trägt das „Schowar“, ein gewundenes Widderhorn, dass regelmäßig geblasen wird und deren Klang für Außenstehende wie mich ziemlich verwirrend ist. Besonders, wenn man dadurch geweckt wird und das Geräusch erst einmal nicht einordnen kann, da das Blasen bei weitem keinen klaren oder lauten Klang erzeugt. Der Laut soll jedoch als Weckruf dienen und an Gott erinnern.

Den Mittelpunkt des Festes stellt aber das Familiendinner dar, denn Rosch Hanschana ist letztendlich ein großes Familienfest, bei dem eigentlich 3 Tag durchgängig geschlemmt wird. Traditionell isst man dabei einen Fischkopf, da dieser den Anfang des Jahres symbolisiert und zudem der „wegweisende Teil“ des Tieres ist. Zudem dippt man Apfel in Honig, trinkt süßen Wein und verspeist köstlichen Honigkuchen, um sich das kommende Jahr zu versüßen. Bei dem Familienessen werden dann Glückwünsche für die kommende Zeit ausgesprochen und Schokolade oder andere Kleinigkeiten verschenkt. Ein typisches Geschenk sind dabei Granatäpfel, denen mehrere Bedeutungen zugeordnet werden: zum einen ist er ein Symbol für Fruchtbarkeit. Seine Kerne sollen aber auch die 613 Gebote der Tora symbolisieren. Man kann einen Granatapfel aber auch mit dem Wusch überreichen, dass der Beschenkte im folgenden Jahr so viel Gutes tun soll, wie Kerne in ihm sind.

Ich Selbst war Teil eines vorgezogenen Neujahresfestes in meiner Arbeitsstelle. Dabei wurde viel gesungen, gesegnet, gegessen und gelacht. Die Mutter einer Bewohnerin hat mir sogar Schokolade geschenkt, was mir erneut gezeigt hat, dass es an Rosch Haschana wichtig ist, an andere Menschen zu denken und sich im neuen Jahr auf gute Taten zu besinnen.

1 Monat Jerusalem

Jetzt lebe ich schon seit einem Monat in Jerusalem und bereue meine Entscheidung hier zu leben immer noch nicht.

Zum einen macht mir meine Arbeit sehr viel Spaß, denn ich habe immer mehr Möglichkeiten selbstständig zu arbeiten und etwas mit den Bewohnern zu unternehmen wie zum Beispiel mit ihnen Kleidung zu einzukaufen, Basketball zu spielen oder kleinere Ausflüge zu gestalten.

Zum anderen habe ich jetzt auch schon angefangen, das Land zu erkunden. Meine erste Station war Haifa, wo ich einige Mitfreiwillige besucht habe und somit auch von einem kostenlosen Schlafplatz profitieren konnte, was einer der größten Vorteile von einer Organisation ist, bei der man die anderen Freiwilligen im Einsatzland kennt. Auch die Anreise war total unproblematisch. Zahlt man in Deutschland alleine für ein Regio-Ticket schon 16€, kommt man in Israel schon für umgerechnet 9€ ganz 160 km weit. Was eine große Strecke ist, wenn man bedenkt dass Israel nur so groß wie Hessen ist. Wenn die Fernbusse dann keine Verspätung hätten wären das ideale Reisebedingungen. Aber allgemein ist der Personentransport in Israel ziemlich günstig, so kann man in Jerusalem 90 min Bus für ca. 1.50€ fahren. In Haifa angekommen war ich erst einmal erstaunt erstaunt, wie stark sich diese Stadt von Jerusalem unterscheidet. Nicht nur das schwüle Wetter war anders, sondern auch die moderne Architektur, das Erscheinungsbild der Menschen und die allgemein westlichere Atmosphäre. Dies äußert sich zum Beispiel darin, dass die Menschen kürzere Kleidung tragen und man weniger orthodoxe Juden und Jüdinnen in der Stadt sieht

Mein kulturelles Highlight (bevor ich die restliche Zeit am Strand verbracht habe) waren die Gärten der Bahai, die tatsächlich genauso schön aussehen wie in Reiseführern dargestellt. Mich haben aber nicht nur die zahlreichen Pflanzen, Blumen und Springbrunnen begeistert sondern auch die Religion der Bahai an sich. Ich habe noch nicht sehr viel darüber erfahren aber allein dass die Gärten nicht aus einem symbolischen Grund sondern aus reiner Ästhetik wunderschön angelegt sind oder das man nicht als Bahai geboren wird sondern sich erst mit 15 Lebensjahren bewusst zu der Religion entscheiden kann finde ich ziemlich sympathisch, da in mir das Bild einer toleranten und unkomplizierten Religion entstand. Ich habe mir fest vorgenommen, im Laufe der Zeit mich noch mehr über die Bahai zu informieren und mehr darüber zu lernen.

Allgemein lerne ich hier in Israel sehr viele neue Dinge dazu, nicht nur im Bereich Religion oder Politik sondern auch in Bezug auf Essen, Kleidung und interkulturellem Miteinander. So musste ich mich zum Beispiel erst einmal an meine tägliche Dosis Hülsenfrüchte gewöhnen (und mit deren Auswirkung auf die Bewohner meines Hostels klarkommen), Ich durfte mir aber auf der anderen Seite angewöhnen, täglich frisches Obst zu essen, dass hier wirklich viel besser schmeckt als in Deutschland und auf dem Markt auch billiger zu kaufen ist (eine Mango kostet auf dem Shouk ca. 1,50€). Ich habe auch mit meinen Freunden einen Falafel-Tag ins Leben gerufen, weshalb wir uns nun jeden Dienstag nach unserem Hebräisch Unterricht beim Falafelstand um die Ecke eine Falafel gönnen werden, bis wir sie satt haben (was hoffentlich nicht passiert).

Ich habe angefangen, mein Leben hier zu genießen und fühle mich jeden Tag wohler in meinem neuen Zuhause.

Impressionen meiner ersten Wochen

… Die Bilder sind von einem sehr talentiertem Mitfreiwilligem gemacht, der im Gegensatz zu mir immer seine Kamera zur Hand hat 🙂